Unser Reisefuehrer erwaehnte Susques nur kurz, es sei ein typisches armes Dorf, uebernachten koenne man 4km ausserhalb, es gaebe eine Tankstelle. Das einzige Sehenswerte sei eine Kirche aus dem 16. Jahrhundert.
Fuer uns war klar: Hier muessen wir uebernachten auf dem Weg von Purmamarca nach San Pedro de Atacama. Wir koennen und wollen die ganze Strecke nicht am Stueck zuruecklegen, wegen der Belastung in der Hoehe (die hoechste Passueberquerung liegt auf 4800m), um in Ruhe die Landschaft zu erfahren, um neue Kraft zu schoepfen.
Die im Reisefuehrer angegebene Uebernachtungsmoeglichkeit war ueber mehrere Tage ausgebucht, im Internet fanden sich zwei weitere Herbergen. Bei der einen (1,6km aussehalb des Dorfes) nahm niemand ab, bei der anderen, „la Vicuñita“, versprach man uns ein Zimmer mit privatem Bad. Einfach zu finden, gegenueber dem Bankomaten, im Dorfzentrum.
Die Fahrt verlief gut, die Strasse fuehrte teilweise in unzaehligen Serpentinen in die Hoehe, um dann langsam wieder abzufallen bis zu den Salinas Grandes, ein Salzsee, ueber den die Strasse auf einem Damm fuehrt. Wir kamen gerade rechtzeitig, um die Schoenheit des Sees im Abendlicht zu erfahren. Spaeter erfuhren wir, dass der Salzsee gar nicht das ganze Jahr ueber so weiss leuchtet. Im Sommer (Dezember bis Februar) ist er mit Wasser bedeckt, im Maerz und April erstrahlt er weiss, danach deckt der trockene Winter das Salz mit einer Staubschicht zu und der See ist braun!
Bereits unter klarem Sternenhimmel legten wir die restlichen 40km zurueck. Eine hoffnungsvoll neu gebaute Stromleitung hoerte bald auf, die einzelnen Haeuschen der Lamahirten lagen im Dunkeln oder waren schwach beleuchtet (Sonnenkollektoren). Auf der Strasse war schon den ganzen Tag ueber relativ viel Vekehr. Turisten in Mietautos, Einheimische in 4x4s mit Ladeflaeche, riesige Sattelschlepper, von Argentinien her leer, vom Pazifik her voll, teilweise mit bis zu 15 Neuwagen aus Asien beladen! Ab und zu ein einsamer Held aus Deutschland auf seinem Fahrrad!
Susques erwartete uns im schwachen Licht einiger Strassenlaternen. Die Strasse fuehrte ausserhalb vorbei, der Weg ins Dorf war ungeteert, wie alle weiteren Strassen im Dorf.
Im ersten Teil der Dorfes standen Sattelschlepper an Sattelschlepper, die Fahrer assen in den einfachen Lokalen ein Abendbrot oder legten sich in ihren Kabinen schlafen. Im Dorfzentrum ein brummendes Ungetuem, der mit Gas betriebene Stromgenerator, der das Dorf Tag und Nacht mit Elektrizitaet versorgt. Gleich daneben der grosse Friedhof, umgeben von einer Lehmziegelmauer.
Wir bogen nach rechts ab, und erstaunlicherweise war diese Strasse von Baeumen gesaeumt! Spaeter erfuhren wir, dass Eisenbahnarbeiter aus Sibierien diese Baeumchen mitgebracht hatten, nachdem sie die Aehnlichkeit des Klimas mit dem in ihrer Heimat erkannt hatten. Und noch heute sind diese Baeume die einzigen, die hier wachsen, und sie werden nach wie vor gepflegt und auch neu gepflanzt!
Wir wurden in der Herberge, die tatsaechlich sehr zentral lag (gegenueber Kirche und Bankomat, neben der Primarschule) warmehrzig empfangen und bekamen auch ein einfaches warmes Abendessen serviert. Das Zimmer lag im Innenhof, der aus einem eben geernteten Maisfeldchen bestand. Alles wirkte einfach, sauber, sehr indigen und doch etwas an den europaeischen Gast angepasst (warme Dusche, elektrischer rollbarer Heizkoerper).
Am naechsten Tag konnten wir unmoeglich schon weiter (Schwindel, Erbrechen, Folgen der duennen Luft in der Hoehe) zwangen uns, Aspirin zu essen und abzuwarten (im Notfall gibt es ein soeben fertig gebautes Spital, keine Sorge, und ca. 4 Krankenwagen, damit auch die Menschen aus den aermsten umliegenden Doerfern Zugang dazu haben).
Und nun begann es uns hier zu gefallen. Es wurde so unglaublich interessant! Alle Frauen ueber 40 trugen noch die traditionelle Kleidung (breitkrempiger Hut, Zoepfe, gestrickter Pullover, knielanger Jupe, dicke Strumpfhosen, Ledersandalen). Die Menschen (Koya – Indianer) stroemten Ruhe und Aufrichtigkeit aus. Man erzaehlte uns, dass Anfang des 20. Jahrhunderts die Regierung in Buenos Aires einen tapferen Schweden in dieses Gebiet geschickt hatte, um herauszufinden, wieviel Steuergelder man hier eintreiben koennte. Der Schwede kam zurueck in die Hauptstadt und sagte: „Hier koennt ihr keine Steuern eintreiben, im Gegenteil. Das Leben ist hier so hart, dass ihr den Menschen Geld geben solltet dafuer, dass sie dort leben!“
Zwei Naechte konnten wir im Vicuñitas bleiben, dann waren alle Zimmer besetzt. Grund dafuer war der Besuch einer Delegation einer japanischen Autofirma. Das ganze Dorf war nervoes. Um was ging es?
Seit einiger Zeit testeten zwei Minen (scheints aus Kanada und Suedafrika) das Salz des naechstgelegenen Salzsees (Olaroz) auf ihr Lithiumvorkommen. Es stellte sich heraus, dass dieses Salz sehr gut sei und dass man fuer Jahrzehnte hier Lithium abbauen koennte. Lithium, der Rohstoff zur Herstellung zukuenftiger Autobatterien fuer Elektroautos. Wuerden die Japaner anbeissen und die weitere Erschliessung des Gebietes und dann die Gewinnung des Lithium weitertreiben?
Wir wurden umquartiert, in eine zweite Herberge unseres Vermieters, die allerdings praktisch noch im Rohbau war. Mit unwahrscheinlicher Energie wurde fuer uns ein Zimmer eingerichtet, mit warmem Wasser!
Und, der Lithiumdeal schien geklappt zu haben. Die Vorbereitungen hatten sich gelohnt, es wurde mit doppelter Intensitaet weiter gemacht.
Was bedeutete das fuer Susques? 800 frisch rekrutierte Minenarbeiter aus den ganzen umliegenden armen Doerfern der Puna und Atacama wurden mit Bussen ins Dorf gebracht. Wo sollten sie uebrnachten? Fast alle Einwohner rueckten in ihren kleinen Haeuschen noch enger zusammen und gaben Zimmer frei. Eine Unterfirma der Minengesallschaft ist verantwortlich, alle Arbeiter einigermassen gut unterzubringen. Das ist nicht leicht, aber fuer ein bisschen Geld macht man hier viel!
Zum Fruehstueck gingen wir die 5 Minuten ins Vicuñitas zu Fuss. Und dort war er schon wieder, der arme Mann, der Betten sucht fuer seine 800 Arbeiter. Er wollte, dass ihm unser Vermieter in seinem Rohbau die anderen drei Zimmer vermietet, mit je 6 Betten! Wir hoerten, wie unser Vermietr sagte, das koenne er nicht verantworten. Hoechstens drei pro Zimmer. Was denn, wenn soziale Probleme auftauchten?
Jedenfalls, am Ende des Tages, hatte unser Rohbau zwei weitere Zimmer mit warmem Wasser und je 5 Betten! Uns wurde es etwas mulmig und wir sagten unserem Vermieter, er solle doch wenigstens um 22h vorbeikommen, um sich ein Bild der Lage zu machen…
Um 20h kamen die Maenner. Glueckliche Gesichter beim Anblick der mit Betten vollgestopften Zimmer! Warmes Wasser, Strom, ein Fernseher!
Unsere Wertvorstellung stand Kopf. Das haetten wir nie erwartet. Wir haetten eher mit einem Aufstand gerechnet. Nie haetten wir fuer moeglich gehalten, dass Menschen sich mit so einem Zimmer zufrieden geben koennten.
Respektvoll hoerten sich die Maenner die Hausordnung an, die ihnen unser Vermieter verkuendete. Um 22h Ruhe, morgens um 5h 30, wenn sie aufstehen muessen, keinen Laerm.
Wie kann es sein, dass Menschen zufrieden sind mit einem Bett, Matratze, Decke und Badezimmer? Weil sie das nicht gewoehnt sind! Weil sie aus aermsten Verhaeltnissen kommen und oft zuhause das Bett aus aufgestapelten Lehmziegeln besteht, als Matratze Lamafell und Lamawolldecken, zum Zudecken ebenfalls. Und weil sie zuhause ein einfaches Plumpsklo haben.
So kam es, dass wir noch 5 weitere Naechte mit den Arbeitern unter einem Dach wohnten und es vollkommen unproblematisch war.
Jeweils 400 Arbeiter sind auf dem Salzsee bei der Arbeit, waehrend die anderen 400 schlafen. Und das im Schichtbetrieb, von 7h morgens bis 7h abends und umgekehrt.
Im Moment ist fuer ca. 1 1/2 Jahre die Erschliessungsphase. Es werden Zufahrtsstrassen gebaut, riesige Becken, um das Lithium (und weitere Stoffe) zu extrahieren, und ein ganzes Containerdorf fuer ca. 800 Menschen, mit Restaurants etc.
D.h. nach dieser Zeit wird Susques wahrscheinlich nicht mehr viel von der Mine haben, ausser dass dort Menschen Arbeit haben werden. Das Dorf ist zuversichtlich, endlich kann man sich eine Zukunft gestalten…
Fuer uns war diese Zeit hier unwahrscheinlich interessant und lehrreich. Wir schauten uns die Gegend an auf Spaziergaengen und kleineren Autofahrten (auch zum Salzsee Olaroz). Wir kamen, je laenger wir im Dorf waren, mit vielen Menschen ins Gespraech. Sie waren stolz, dass es Europaeer hier so lange aushielten. Als besondere Ehre mussten wir verstehen, dass wir z. B. 10l – Wasserflaschen ohne Pfand zu zahlen ausleihen durften. Sonst bekommen Auslaender nicht einmal gegen Pfand eine Bierflasche (nur gegen eine leere Flasche, was dazu fuehrt, dass sogar einige Fahrradfahrer immer zwei Glasflaschem mitschleppen).
Nach einer Woche waren wir gesaettigt mit Eindruecken und beschlossen, weiter zu fahren. Auf der Fahrt bis zum Paso de Jama begegneten wir hauptsaechlich Lamas und Vicuñas (die wilden Vewandten der Lamas). Nandus (straussenaehnliche Voegel) und Flamingos sahen wir von Weitem an den so oft vorkommenden salzigen Lagunen.
Das Dorf am Paso de Jama ist arm. Viel aermer noch als Susques. Aber, seit neustem verfuegt es ueber eine neue staatliche Tankstelle, mit WiFi und Uebernachtungsmoeglichkeit.
Der argentinische Zoll befindet sich gleich dahinter.
Der chilenische Zoll laesst auf sich warten. Erst nach weiteren 150 Kilometern, durch die kahlste Wuestenlandschaft, vorbei an bizarren gesteinsformationen, Vulkankegeln und Hoehenmetern bis 4800 und einer steilen, geraden Abfahrt auf eine Hoehe von 2500m, an der Einfahrt nach San Pedro de Atacama, wartet der Zoll.
Das ist sowieso beeindruckend. Auf argentinischer Seite hat es Menschen und Lamazucht, Tankstellen und Doerfer bis an die Landesgrenze auf 4200m. In Chile ist nichts mehr los in dieser Hoehe. Vicuñas und Flamingos sind sich selbst ueberlassen. Nicht einmal ein Zoellner hat es noetig, dort oben fuer Ordnung zu sorgen.
Was wir nicht selbst gesehen haben, beruht auf muendlichen Erzaehlungen. Deshalb alle Angaben ohne Gewaehr.
LG, Kirsten
Guten Morgen, ihr Lieben, tausend Dank für diese spannende Morgenlektüre!! Macht’s gut weiterhin, einen besonderen Gruss an den Abenteurer Ilmarin!! Oma
liebe abenteurer! eva und rafael und rüdiger und oma senden liebe grüsse.