24.4.2019
Wir wohnen schon drei Tage in der Posada „El Silencio“ in Pozo Colorado, mitten im Nirgendwo der Salzpfanne von Salinas Grandes. Hinter uns gelassen haben wir einen Pass von 4100m Höhe über dem Meer. Die Hochebene, auf der wir uns befinden, ist auf 3400m. Die Ebene ist riesig, umgeben von Vulkangebirge, in allen Himmelsrichtungen.
Heute wollen wir uns Susques anschauen, ein Dorf, dessen Geschichte uns vor 6 Jahren schon sehr bewegt hat, im April 2013 (Bericht liegt hier vor vom 17. 4. 2013). Man kann den alten Bericht finden, wenn man „zurückblättert“.
Was ist wohl aus Susques und seinen Bewohnern geworden? Gibt es dort noch die Herberge, die uns damals so gut gefallen hat?
So fuhren wir um 11h los, die gut 70km bis Susques. Erst über die Salinas Grandes, dann hin zu den Bergen im Westen und überqueren diese auf einer engen Passstrasse. Susques liegt auf 3860m.
Als wir ankommen, stellen wir fest, die Landschaft ist nach wie vor genial schön, das Dorf wie leergefegt, auch die vielen Lastwagen, die hier damals Pause machten, gibt es nicht mehr. Keine Strassenstände mehr. Auch unsere alte Herberge ist geschlossen. Wir gehen weiter zum Hotel, das der Besitzer unserer Herberge gerade fertig gestellt hatte, als wir hier waren vor 6 Jahren. Geschlossen. Eigentlich eine Ruine. Wir setzen uns auf die Stufen vor dem verlassenen und verstaubten Bau. Da kommt uns eine junge Frau auf der Strasse entgegen und fragt uns, ob wir etwas suchen würden. Wir erzählen unseren Beweggrund, der uns hierher geführt hat. Die Frau stellt sich als Noelia vor und berichtet, der Besitzer der Herbergen wohne nun schon längerer Zeit in der Provinzhauptstadt Jujuy und sie würde die beiden Häuser betreuen. Immer um 17h ginge sie in die untere alte Herberge um zu sehen, ob Gäste kommen. Um 21h ginge sie dann nach Hause. In der Hochsaison, im Dezember bis März, sei dann der Besitzer auch da, der Restaurantbetrieb wieder geöffnet und das neue, ruinenartige Hotel diene dann dazu, Menschen, die keine Unterkunft mehr finden, unterzubringen.
Tief bewegt erzählt sie uns, dass Susques` Bevölkerung gespalten ist. Wegen dem Lithiumabbau auf dem ganz nahe gelegenen Salzsee „Olaroz“. Ursprünglich hatte die Mehrheit der Bevölkerung von Susques und den 5 weiteren indigenen Dörfern, denen der Salzsee gemeinsam gehört, dem Abbau zugestimmt.
Anders als dort, wo wir im Moment wohnen, an den Salinas Grandes. Dort blieb die Bevölkerung stark. Ihnen ist ihr Salzsee heilig. Ein Geschenk von Pachamama, der Mutter Erde. Seit Jahrtausenden gewinnen sie hier Salz auf traditionelle Weise für sich und ihre Tiere aber auch um Handel zu treiben und heute um Geld zu verdienen. Mit Führungen über den See und mit dem Verkauf von Salz an Mühlen, die es zu Tafelsalz mahlen. Deshalb geht wohl auch die Stromleitung nicht über den See sondern ist unterirdisch verlegt und es gibt auf der ganzen Ebene keinen Mobilfunkempfang und kein Internetsignal. In unserer Herberge steht ein Festnetztelefon. Der Herbergswart muss immer mit einer Receptionstin in Tilcara telefonieren, um zu erfahren, was für Buchungen übers Internet eingegangen sind.
Zurück zu Susques: Etwa 80% der Bevölkerung waren zuerst für die Mine. Die Versprechungen der Minengesellschaften waren verlockend. Einen grossen Anteil haben Chilenen, US- Amerikaner, Chinesen, Kanadier und Japaner. Keine einzige argentinische Firma, auch nicht der argentinische Staat. Tatsächlich gibt es einigen Fortschritt zu erwähnen, Susques hat ein neues Spital und einen Gemeindesaal. Aber die Schule ist immer noch ohne Heizung, so dass die Kinder im Winter die grossen Ferien haben, es wäre sonst schlicht zu kalt in den Klassenzimmern.
Heute sind 5 Familien gegen die Mine. Letztes Jahr haben sie eine Anzeige eingereicht. In den 5 Jahren, wo nun abgebaut wird, hat sich gezeigt:
- Der Salzabbau braucht viel Wasser. So sank der Grundwasserspiegel. Deshalb strömte anderes Wasser nach als Ausgleich. Dieses Wasser ist arsenhaltig. Schon seit einiger Zeit kann das Dorf Pastos Chicos sein Wasser nicht mehr trinken, es wird in Tankwagen gebracht. Und nun ist auch Susques an dem Punkt. Es wird von einem Mädchen berichtet, das wegen zu hoher Arsenkonzentration im Blut in Buenos Aires im Spital ist.
- Durch das fehlende Wasser können Lamas nicht mehr gehalten werden, die Landschaft versalzt..
- Das Salz wird gemahlen im offenen Gelände. Salzstaub weht nach Susques rüber. Es regnet in dieser Gegend nur von November bis Januar. Der Boden ist ausgedörrt. Jeder Wind trägt Staub mit sich fort. Und Susques liegt genau in der Hauptwindrichtung von der Mine aus. Dadurch versalzt der Boden noch mehr. Es kommt zu Atembeschwerden, die Menschen werden krank.
Viele Einheimische wurden reich durch die Mine. 1000 Dollar verdient ein Arbeiter im Monat, das ist fast das Doppelte eines gewöhnlichen Gehaltes in Argentinien. Wer nicht in der Mine arbeitet, verdient seinen Lebensunterhalt mit der traditionellen Landwirtschaft, Lamas, Schafe, Ziegen und Ackerbau entlang der Flüsse, die eben nun versiegen. Langfristig wird diese traditionelle Lebensweise hier nicht mehr möglich sein. Es muss sich etwas ändern! Kann es sein, dass der Lithiumabbau nicht umweltverträglicher gemacht werden kann? Muss immer alles möglichst billig getan werden um möglichst gewinnbringend zu sein?
Das gewonnene Lithium wird gebraucht für die dann sehr leichten Batterien, vorallem in den Motoren der Elektroautos. Aber auch jedes Handy, Laptop oder Elektrovelo braucht Lithiumbatterien. Die Welt hungert nach diesem weissen Gold, es macht auch an den Börsen eine gute Falle… Hier, in Südamerika, gibt es noch keine Elektroautos. Umweltbewusste Menschen in Europa und den USA fahren damit. Dort bringt das Elektroauto schon sauberere Luft. Aber hier, im Dreieck des weissen Goldes, das sich von Chile über Argentinien bis Bolivien zieht, hinterlässt der Abbau unfruchtbaren Boden und entzieht den Menschen ihre natürliche Heimat.
Wir sind froh, abends in unsere Herberge an den Salinas Grandes fahren zu können, es windet stark, die Luft ist staubig…
B und K.
Alle Angaben ohne Gewähr. Zum grossen Teil mündlich überliefert von Dorfbewohnern. Teilweise im Internet recherchiert. Sehr interessanter Bericht gefunden von der „Washington Post“, Dezember 2016.
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