Es ist bald Mitternacht, aber wir haben’s geschafft. Sind ganz in Arica angekommen und haben sogar das Hotel gefunden, ohne Karte, die uns heute bei heftigem Wind in der Wueste aus dem Auto geweht wurde…
Die Ruinen der Salpeterfabrik Santa Laura
Fuer mich war’s eher ueberraschend, dass wir daran vorbeifuhren, nach einem ganzen Parcour von Baustellen, von Iquique her kommend.
Wir kamen dort an, es war trotz der 1000m Hoehe etwa 35° C und es wehte ein heftiger Wind. Die Landschaft ist kahl, nur Steine. Ausser, vor dem alten Herrschaftsgebaeude, in dem heute der „Parkwaechter“ wohnt, hat es Palmen und andere wetterfeste Pflanzen (diese Wohltat fuer die Seele bekommt taeglich Wasser, dass im Tankwagen angekarrt wird). Diese wurden gerade bewaessert (so um 17h), als wir, nach dem Rundgang durch das Fabrikgelaende, rsp. die Ruinen von dem, was mal eine Fabrik war, unser spaetes Almuerzo (Mittagessen) zu uns nahmen.
Das Ruinengelaende ist sehr eindruecklich, hier sprechen Bilder mehr als Worte. Holz- und Blechkonstrukte, die in den stahlblauen Himmel ragen.
Die Landschaft ist extrem lebensfeindlich – ich frage mich, wie die Menschen hier einer so harten Arbeit nachgehen konnten. Auf dem Gelaende lebten 1000 Menschen. 500 Arbeiter mit deren Familien. Es gab eine Schule, ein Theater, oeffentliche Dienste, ein kleines Schwimmbad. Im Herrschaftshaus sind noch alte Kleider, Moebel und Geschirr ausgestellt.
Als um 1960 herum Nitrat kuenstlich hergestellt werden konnte, wurden all die 50 Fabriken in dieser Gegend nach 80 jaehriger Taetigkeit langsam stillgelegt und sich selbst ueberlassen. Zwei davon, auch die Fabrik Humberstone, wurden zum Unesco Weltkultuererbe erklaert und fuer Besucher hergerichtet.
Ilmarin hatte die groesste Freude an der alten Eisenbahnanlage, die dazu gehoerte. Mit Bildern wurde alles erklaert, wie das Gestein mit den Zuegen aus der nahen Mine gebracht wurde, ueber ein Foerderband zur Muehle gelangte, chemisch verarbeitet wurde und als fertiger Salpeter wieder mit Zuegen zum 1000 Meter tiefer gelegenen Hafen von Iquique gebracht wurde.
Nach dem Rundgang, wir waren die einzigen Gaeste dort gewesen auf dem riesigen Areal, waren wir total ausgetrocknet von dem heftigen, heissen Wind.
Wir assen unser mitgebrachtes Almuerzo in einem ehemaligen Wartehaeuschen fuer die Eisenbahn nach Iquique und machten dann Siesta.
So um 18h begannen wir mit unserer eigentlichen Fahrt, 300km Landstrasse durch die abendliche Wueste. Landstrasse vom Feinsten. Doch dies wussten wir erst, als wir es erlebten.
Dass diese 300km ein echtes Abenteuer sind, steht in keinem Reisefuehrer und auch die kuehlen Chilenen quitieren die Frage nach diese Strecke nur mit einem Laecheln. 3 Stunden, sagen sie.
Die Ruta 5, Lebensader des Nordens Chiles
Die Strecke Iquique – Arica ist etwas vom Eindruecklichsten, was eine Autofahrt bieten kann. Von Iquique aus steigt man zuerst 1000m hoch in die Hoehe und gelangt nach etwa 30km auf die Ruta 5, die dort von Santiago her kommend, schon fast 2000km lang ist. Zuerst fuehrt die Strasse durch eine Hinterlandssenke, in welcher es gar ein wenig Wasser gibt, so sahen wir das erste Mal seit unserem Besuch in Chile wild wachsende Baeume. Doch dann wechselt die Landstrasse und fuehrt ueber eine karge, voellig ebene Wuestenflaeche, ohne Pflanzen oder irgend etwas, dass sich von einer Betonflaeche unterscheidet.
Doch ploetzlich steht man an einem riesigen Canyon, der sich vor einem auftut. Die Strasse fuehrt in Serpentinen 1000 Hoehenmeter in die Tiefe. Es ist ein reiner Wuestencanyon. Am Boden des Canyons hat es vielleicht ein wenig Gruen, mal einen Baum oder Buesche, aber meistens gar nichts. Wir rasen dem Canyonongrund entlang und auf der anderen Seite steigen wir 1000m in die Hoehe. Das naechste Wuestenplateau haetten wir mit 500 km/h durchqueren koennen, hielten uns aber an die Geschwindigkeitsbegrenzung, denn
ploetzlich tat sich der naechste Abgrund auf. Dieser war nicht nur noch tiefer, sondern bestand aus 20km einspurig befahrbarer Baustelle! Am Talgrunde dieses Canyons gab es sogar einen Fluss mit fliessendem Wasser!
Nun dunkelte es, die chilenische Nacht ist wie schon so oft beschrieben, eine Fahrt durch den Weltraum.
Wichtig ist noch zu sagen, dass es auf der ganzen 300km langen Strecke keine Tankstelle und nur ein Wasserloch gibt!
Es gruesst der Hell Rider, B. S.
nun, da sich die Verhältnisse hier wieder zu normalisieren beginnen, gelingt es mir auch mal wieder bei euch neugierig nachzuschauen, was es spannendes zu lesen gibt. Eins ist mir sofort klar: Mit euch tauschen und selbst auf der 20 km langen Baustellenpiste fahren, wäre keine Option; nein, nein, nein.
Wenn wir hier Vertretern anderer Bevölkerungen begegnen, verkleidet als Touristen, dann hat dies nichts mit den in deren Ländern lebenden Leuten zu tun. Ich denke da an Chinesen in Mürren, die sich ein Arbeitsleben lang das Geld für eine Jungfraubahnfahrt ersparen. Auch was man im Fernsehen sieht, ist immer nur ein Röhrenblick. Was ihr in eueren Reiseberichten schreibt, lässt erahnen, wie vielseitig die Welt ist. Denn aus euerem Blickwinkel erfährt man ja sonst so gut wie nichts.
Bin schon jetzt gespannt, wie es weitergeht.
Christoph