Wir landeten zufaellig dort. Vor ueber zwei Wochen waren wir aufgebrochen aus San Pedro, wir wollten uns mutig wieder an die Kueste wagen…Die Nachbeben wurden immer schwaecher und seltener…Aber irgendwie waren wir doch nicht so ganz ueberzeugt. Als wir auf dem Weg von San Pedro in Richtung Calama fuhren, sahen wir die Abzweigung nach Rio Grande. Wir hatten gehoert, dass dort in der Naehe das wunderbare „Valle de Arco Iris“ sei. Wir beschlossen, nach Calama zu fahren, gut einzukaufen und dann dort zu zelten! Zelten ist in Chile ganz gewoehnlich, fast ueberall erlaubt. Als wir schlussendlich die erstaunlich gute Strasse nach Rio Grande befuhren – wurde es schon daemmrig. Ploetzlich hiess es auf einem Schild: In 1km Control turistico! Als der besagte Ort kam, stand dort unter einem Schild eine Frau …
Wir waren ueberzeugt, sie wuerde hier wie ein Zoellner stehen um uns zu kontrollieren. Wir fragten, ob wir hier irgendwo unser Zelt aufstellen koennten. „Nein“, war die ernuechternde Antwort. „Diese ganze Region gehoert uns Atacameñas, dies ist indigenes Land. Hoechstens auf dem Parkplatz der Turistenkontrolle koennt ihr zelten. Morgen kommt der Waechter wieder, sagt ihm einfach einen Gruss von Pamela und dass ich euch das erlaubt habe“. Wir fanden den Vorschlag nicht besonders angenehm…am naechsten Morgen zwischen Bussen mit anderen Turisten aufzuwachen, erschien uns etwas befremdlich… Da wir zoegerten, sagte sie bald: „Ich habe hier ganz in der Naehe Land, dort koennt ihr auch zelten. Ich fahre schnell mit euch hin aber einer von euch muss hier fuer mich warten und den Bus anhalten!“ Gesagt getan, etwa 500m weiter weg von der Strasse kam ihr eingezaeuntes Land. Einzige Bedingung: „Macht den Zaun hinter euch wieder zu, sonst fressen Lamas meine Pflanzen“.
Aus dieser Begegnung wurden nun 14 sehr interessante und lehrreiche Tage.
Paloma* ist die Praesidentin der Vereinignung der jungen Menschen von Rio Grande. In Rio Grande sind etwa 10 Familien beheimatet. Das Dorf ist winzig und in einer engen Schlucht angelegt, an einem arsenhaltigen Bach, der Wasser aus den Bergen Boliviens fuehrt. Es ist hier alles schlau bewaessert rund um den Bach, so dass Tiere und Pflanzen gut gedeihen. Die Menschen muessen das Trinkwasser aus dem Nachbartal (20 Minuten Fahrt mit dem Auto) holen. Dort gibt es eine gefasste Quelle mit bestem sauberem Trinkwasser.
Der Verein der jungen Menschen aus Rio Grande hat auf der Ebene, wo nun unser Zelt stand, ein Projekt lanciert. Jede Familie hat dort ein grosses Stueck Land bekommen, eingezaeunt und versuchsweise Anpflanzungen gemacht. Der Boden besteht aus fruchtbarer vulkanischer Asche. Und nun, mit Hilfe des Staates, entsteht dort eine Bewaesserungsanlage mit dem Wasser aus der genannten Quelle. Und schon diesen September (hier Fruehling) sollen hier Mais usw. angepflanzt werden.
Rio Grande erlebt eine spannende Zeit. Wie soll es gluecken, dass das Dorf nicht bald ausstirbt?
Es leben hier fast nur noch Menschen ueber 60. Ihre Kinder und Enkel sind fast alle nach Calama oder San Pedro gezogen. Vorallem, um bei den gut zahlenden Minen zu arbeiten aber auch um an der modernen Zeit teilzuhaben.
Paloma und ihre Familie laben auch in Calama, aber Paloma selbst ist die ganze Woche durch bei ihrer Mutter in Rio Grande. Damit sie ihrem Beruf als Kindergaertnerin in Rio Grande nachgehen kann. Sie hat eine Schuelerin! Und der Lehrer im gleichen Schulhaus 2 Schueler!
Ich bin sehr beeindruckt, dass der chilenische Staat in jedem indigenen Dorf eine Schule mit Kindergarten betreibt. Alle Kinder ab 3 Jahren erhalten staatliche Erziehung! Sobald ein Dorf ein Kind im Alter zwischen 3 und 12 Jahren hat, wird eine Lehrperson gestellt! Ab dann muessen die Kinder Schulwege in groessere Ortschaften meistern, was meistens einen Umzug der ganzen Familie mit sich zieht oder ein Aufteilen der Familie auf Tanten etc.
An einem Tag haben wir Paloma zu einem Treffen mit zwei anderen Kindergaertnerinnen gefahren. 120km, nach Talabre. Die drei Lehrerinnen treffen sich einmal im Monat zur gemeinsamen Arbeit und zum Austausch. Das hatten sie sich vom Staat gewuenscht. Das ist seit diesem Schuljahr bewilligt. Einmal pro Monat bleiben die Kinder zu Hause damit die Lehrerinnen nicht immer so alleine sind. Sie wechseln sich ab, immer eine Lehrerin ist Gastgeberin. Die anderen beiden haben jeweils einen sehr langen Weg!
Busse zwischen Calama und Rio Grande gibt es am Mittwoch, Freitag und Sonntag. Einen jeweils! Autos haben nur wenige Menschen hier. Aber irgendwie kommen sie durch.
Talabre kennen zu lernen, war sehr spannend! Das kleine Dorf liegt am Fusse des Vulkans „Lascar“. Irgendwie mussten wir schmunzeln, als wir die beschilderten Wege zur vulkansicheren Zone sahen… Das gleiche Vorgehen wie bei Tsunamis, nur hier eben wegen ploetzlicher Vulkanausbrueche… Sirenen auf dem Schulhausdach, beschilderte Wege zum sicheren Treffpunkt, von wo aus dann weitere Schritte von den Behoerden angeordnet werden koennen…
Bis vor 20 Jahren lag Talabre noch naeher am Vulkan. Viel zu gefaehrlich, fand der Staat…Und das ganze Dorf wurde versetzt! Allgemein scheint man damit zufrieden zu sein. Es gibt mehr Flaeche hier, die man durch Bewaesserung fruchtbar gemacht hat und es ist sonniger. Und eben, der Vulkan nicht mehr ganz so bedrohlich. Im Jahr 2007 ist er das letzte Mal ausgebrochen und dank aller Vorkehrungen ist auch nichts passiert.
Die Schule in Talabre ist sehr gross und modern, mit einer eigenen Turnhalle. 5 Kinder besuchen zur Zeit die Schule und drei den angrenzenden Kindergarten. Sehr schoen ist es in diesem Kindergarten! Und er ist bestimmt nicht schlechter ausgeruestet als ein durchschnittlicher schweizer Kindergarten (Kueche, Badezimmer, Spielzimmer, Spiel- und Lernmaterialien in allen Farben und Formen, Buecher und fuer die Lehrerin einen Computer mit Internetanschluss, Drucker und Fotokopierer).
Die Zeit bei den Atacameñas verbrachten wir teilweise im Zelt und teilweise in der Unterkunft bei Palomas Mutter in Rio Grande. Ab und zu war dort schon besetzt. Unter den Touranbietern hier ist sie ein Geheimtip, fuer Menschen die das indigene Leben moeglichst hautnah erleben moechten. Das Zimmer ist aus Lehmziegeln, das Dach aus Stroh. Im Innenhof liegt das einzige WC mit Dusche. Alles extra besser hergerichtet, das Menschen wie wir es dort aushalten, d. h. der Boden ist nicht aus Lehm sondern gekachelt und so putzbar, dass wir es auch als angenehm empfinden. Die Kueche ist auch gekachelt und wenn man dort zu Gast ist gibt es auch Fruehstueck und Abendessen dort. Immer frisch zubereitet und ganz authentisch.
Aber eben, bald war es fuer uns zu kalt. Wir sind ja Zentralheizungen gewoehnt…Am Morgen war der Bach teilweise schon eingefroren und der Benzintanklaster kam, damit der Stromgenerator angeworfen werden kann. Denn im Sommer haben sie hier Strom von einer Turbine im Bach, aber da der im Winter einfriert, kommt dann der Stromgenerator zum Zug. 3 Stunden am Abend! Sonst gibt es einfach keinen Strom!
Und so verliessen wir diesen interessanten Ort und begaben uns ins Turistenmekka San Pedro zu den Annehmlichkeiten, die auch wir schlussendlich schaetzen und sind dann mutig doch an die Kueste gefahren.
Das Auto ist abgegeben, morgen geht es per Bus nach Peru. Heute uebernachten wir im Hotel Diego de Almagro in Arica. Weiter News heute Abend, wenn Europa bereits schlaeft (6 Stunden Zeitunterschied)
* Name geaendert
LG, Kirsten
Hinterlasse einen Kommentar