Der Heiligabend in Argentinien ist in vielerlei Hinsicht der Gegensatz zum Fest in den deutschsprachigen Gefilden in Europa.
Unser Fest, das wir mit einer argentinischen Familie deutscher Herkunft feierten, war gepraegt von 2 „Rahmenbedingungen“, die das Fest unvergesslich werden liessen:
Zum Einen waren da diese hoechstsommerlichen Temperaturen. Gemessen wurden am Nachmittag 36.5 Grad im Schatten, wobei sich die einzelnen Fernsehstationen ueberboten mit Werten der „gefuehlten“ Temperatur, dabei wird die Temperatur mit einem Koeffizienten der Luftfeuchtigkeit multipliziert. Werte wie 48 oder 50 Grad wurden laufend gemeldet – was ich nicht nachvollziehen kann. Aber es war sehr heiss. Das seit dem Morgen angekuendete Gewitter, das die ersehnte Abkuehlung bringen sollte, verspaetete sich, so dass wir um Mitternacht immer noch ueber 30 Grad Hitze oder 40 Grad „gefuehlte“ Temperatur hatten. Zum „Stille Nacht“ Singen eine schlechte Grundlage – waere da nicht noch diese zweite Gegebenheit gewesen, welche auch typisch fuer Argentinien ist: Stromausfall. Alle Haeuser in der Nachbarschaft waren davon nicht betroffen, wieso unser Haus in den Zustand archaischer Vorsintflut zurueckversetzt worden war, ist wohl ein gluecklicher Zufall. Auf jeden Fall zuendeten wir nach dem Einbruch der Dunkelheit viele Kerzen an im Haus und die „Stille Nacht“ wurde wahr, obwohl wir so weit weg von der Heimat sind.

Unser Weihnachtsbaum waren 2 grosse Pinienaeste, die durch 2 Eukalyptuszweiger latinisiert wurden. Beschert wurde durch das Christkind, wie durch den Weihnachtsmann (schweizerisch -deutsch -argentinisch gemischt). Die Feier war vielleicht zwangsweise ganz schlicht und eben ganz still.

Weniger still war die Nacht in des Nachbarn Haus. Und vielleicht lohnt ja ein kleiner Exkurs in die weihnachtlichen Sitten eines so fernen Landes wie Argentinien? Mag es an der Hitze liegen, oder schlicht daran, dass die Tage lang sind und Weihnacht an den Anfang der Sommerferien faellt? Oder daran, dass der Weihnachtsmann vom Nordpol her kommend einfach laenger braucht und der Tradition gemaess hier erst um Mitternacht eintrifft? Eine hiesige Weihnachtsfeier ist eine schrille froehliche Angelegenheit, bei welcher sich der durch Knallpetarden verursachte Krach gegen Mitternacht hin steigert, um danach in ein nicht mehr endendes Stakkato ueberzugehen. Alle, von klein bis gross, von ganz jung bis ganz alt sind hellwach, wenn der Weihnachtsmann dann tatsaechlich aufrtitt, was so um 0 uhr 30 geschieht, und unter grossem Applaus, den Anwesenden aus seinem (vielleicht auch goldenem) Buch die Lewiten liest und sie dann mit Geschenken ueberhaeuft. Wir hatten das Vergnuegen, diese rituelle Handlung von unserer Piletta (argentinisch fuer Schwimmbad) aus mitzubekommen, denn man darf ja nicht vergessen, es waren um 0 uhr 30 immer noch 40 Grad gefuehlte Hitze.

Zum Schluss der Weihnachtsfeier, um 2 Uhr 30 stellte sich uns die Frage, wie schlaeft man in einem aufgeheizten  Haus bei 45 Grad gefuehlter Hitze, ohne Strom, resp. Klimaanlage. Der Tropenexperte wusste Rat: man nehme ein nasses Laken und wickle sich darin ein. Gesagt, getan. Es klappte hervroragend. Geweckt wurden wir erst durch das Gewitter, das um 6 uhr morgens mit einer Verspaetung von 10 Stunden eintraf.  Alles braucht hier laenger.

Wem diese  weihnachtliche Beschreibung nun ganz fuerchterlich vorkommt, dem kann ich nur empfehlen, bei den Argentiniern mal selbst mitzufeiern. Soviel Lebenskunst ist ansteckend.

Basil