Am letzten Sonntag, den 16. 3., checkten wir gemuetlich aus dem Hotel in Iquique aus, kurz nach 12h. Wir hatten vor, die ganze kommende Woche wieder an unserem Zeltplatz am Rio Loa zu verbringen. Nach einer Weile am Strand von Iquique assen wir eine Pizza, gingen gross fuer die ganze Woche einkaufen, Geld holen und tanken und machten uns auf den Weg, 150km suedwaerts der Kueste entlang. Mittlerweile war 16h und nach 30km, am Flughafen, machten wir unseren obligaten Halt, um den letzten Rest moderner Zivilisation zu geniessen. Das dauerte alles recht lange und so um 17h 30 waren wir dann bereit fuer die Weiterfahrt.
Nach etwa 50 km hielt B. an einem Truckstop an. Er wollte, dass ich das Ruder uebernehme, er fuehlte sich so schwindlig und hatte gerade vorher fast das Auto in den Strasengraben gesetzt. Waehrend I. und B. sich etwas entfernten, weil sie mal mussten, wollte ich das Auto etwas besser packen, denn gerade hatte sich das Gepaeck seitwaerts auf Is Platz bewegt… Komisch, das ganze Auto schwankte etwa 7 mal hin und her…
Viel dachten wir uns nicht dabei und fuhren weiter – trotzdem, bei mir blieb ein komisches Gefuehl. Warum parkten denn grosse Lastwagen am Strassenrand?
Gegen 19h kamen wir dem Dorf Chipana immer naeher, es liegt 4km vor unserem „Zeltplatz“. Unser Blick wurde von einem grossen Algenlastwagen angezogen, der in der Dorfeinfahrt stand. Und was machten all die Menschen und ihre Autos auf dem Huegel rund um den Container der Tsunami – Sicherheitszone? Sollte sich mein mulmiges Gefuehl bewahrheiten? Ich bog von der grossen Strasse ab und fuhr zum Lastwagen, liess das Fenster runter und fragte: „Was machen all die Leute auf dem Huegel?“ „Es ist Tsunami – Alarm. Das Seebeben hatte die Staerke 6, 5 auf der Richterskala – es koennte ein Tsunami kommen. Am besten geht ihr auch da hin.“
Das taten wir. Man empfing uns, als gehoerten wir zur Dorffamilie. Hier kennen wir schon viele Leute.“ Gracias a dios“, meinten sie, dass ihr gerade im rechten Moment gekommen seid!
Der Notcontainer war offen, der Lautsprecher gab immer wieder neue Anweisungen durch. Alle Notcontainer an der Kueste werden per Computer ferngesteuert geoeffnet bei einem Alarm. Darin sind ein Stromgenerator, Wasser und „Atomfood“, Decken und Zelte. Ist der Alarm vorbei und es kam kein Tsunami, schliesst sich der Container wie von Geisterhand wieder.
Die Menschen waren nervoes, die Kinder rannten herum und spielten. Als es dunkel wurde, schlugen wir unser Zelt nicht weit vom Container auf, in sicherer Hoehe und kochten etwas auf dem Kocher. Als I. bereits schlief, schloss sich der Container, die Entwarnung war gegeben – das Dorf legte sich zur Ruhe.
All diese Menschen hatten das zum ersten Mal erlebt. Dieser Teil Chiles hatte waehrend Jahrzehnten keine Tsunami – Gefahr erlebt. Erdbeben ja, zu viele, wie sie hier sagen.
Als wir am naechsten Tag am Zoll ins Restaurant gingen, konnten wir am TV sehen, wie Iquique evakuiert worden war.
Was fuer ein Glueck, dass wir das nicht erleben mussten! Was fuer ein Glueck, dass wir das Beben nicht in einem Gebaeude erleben mussten. Es gab viele Nachbebeben. Davon hatten wir im Zelt nichts gemerkt. Das komische Fahrgefuehl und das schwankende Auto war fuer uns das einzige, was wir vom Erdbeben wahrgenommen hatten, ohne es zu wissen.
Chile und seine Menschen sind grossartig. Es ist sehr bereichernd zu erleben, wie man in einem Land lebt, das immer wieder von so grossen Naturgewalten heimgesucht wird. Diese Gratwanderung zwischen Angst, Verdraengung, Mut, Sicherheit und Gottvertrauen – beindruckend. Und diese gute Vorbereitung und das gute Alarmsystem – bewundernswert.
Es ist schon anders, wenn die Nachrichtensprecherin im SRF 1 das Thema wechselt und von einem Erdbeben berichtet, welches sich in Chile bei Iquique ereignete. Durch das lesen euerer Berichte damt Fotos und Blicken auf die Weltkarte, sagt einem das schon mehr als sonst. Der nächste Gedanke ist dann: Und wo stecken sie wohl gerade jetzt?
Das lässt sich dann meist erraten, nach einem weiteren Blick in eueren Blog.
Aber da ihr ja schon fast überall auf der Welt ward, nimmt man das bereits gelassener, mindestens ich…
Liebe Grüsse aus Dornach, Christoph